Crowdsourced Activist Investing: Was kommt nach GameStop?

Seit einigen Tagen bestimmt ein Thema die Medien: Die Auswirkungen des Reddit-Threads /r/wallstreetbets auf das klassische Aktiengeschäft. Sie zeigen auf, welche Macht ein Hobby-Investor haben kann, wenn er sich mit vielen anderen zusammentut. Was steckt wirklich hinter dem Crowdsourced Activist Investing und welche Zukunft hat diese Form des Investierens? Was ist passiert? Vermutlich mehrere hunderttausend,... Read more »

Seit einigen Tagen bestimmt ein Thema die Medien: Die Auswirkungen des Reddit-Threads /r/wallstreetbets auf das klassische Aktiengeschäft. Sie zeigen auf, welche Macht ein Hobby-Investor haben kann, wenn er sich mit vielen anderen zusammentut. Was steckt wirklich hinter dem Crowdsourced Activist Investing und welche Zukunft hat diese Form des Investierens?

Was ist passiert?

Vermutlich mehrere hunderttausend, wenn nicht gar Millionen Kleinanleger haben sich öffentlich in einem Reddit-Thread dazu verabredet, Aktien von GameStop zu kaufen, einem stationären Anbieter von Computer- und Konsolenspielen. Vorausgegangen war dem eine Provokation des Hedgefonds Citron Research auf Twitter. Die Aktie des Spielehändlers, die sich seit Langem wegen des kaum noch tragfähigen Geschäftsmodells im Sinkflug befunden hatte, war vorher fest in den Händen von sogenannten Shortsellern oder Leerverkäufern.

 


Info: Shortselling

An der Börse wird zwischen den beiden Anlagestrategien „Long“ und „Short“ unterschieden. Long bezeichnet etwa den traditionellen Aktienkauf – der Anleger kauft eine Aktie (oder eine andere Anlageform) sofort, um sie zu einem späteren Zeitpunkt nach einer positiven Entwicklung wieder zu verkaufen. Ein Shortseller dagegen spekuliert darauf, dass der Kurs fällt, und verkauft Aktien, um sie zu einem späteren Zeitpunkt zurückzukaufen. Den Unterschied zwischen dem Zeitpunkt, in dem er die Aktien verkauft hat, und dem, wenn er sie zurückkauft, ist sein Gewinn – oder, wenn der Kurs in der Zwischenzeit gestiegen ist, sein Verlust.

Der fundamentale Unterschied zwischen Long- und Short-Strategien liegt also nicht nur darin, ob ein Anleger eine positive oder negative Unternehmensentwicklung zu erkennen glaubt. Während bei Long-Strategien der maximale Verlust in einem totalen Wertverlust der Aktien besteht, also 100% des Einsatzes, kann er beim Shortselling weitaus höher liegen, wenn der Aktienkurs explodiert. Daher ist Shortselling die deutlich riskantere Anlageform.


 

Hedgefonds treten häufig als Shortseller in Erscheinung und sind in der Branche umstritten. Einerseits, weil sie bei Misserfolgen häufig mit Steuergeld gerettet werden müssen, aber auch, weil sie eine große Macht besitzen und in der Vergangenheit bereits des Öfteren mit unlauteren Methoden versucht haben, das Ansehen von Unternehmen zu untergraben.

Die Netzgemeinde auf Reddit nahm sich vor, diese Shortseller kalt zu erwischen. In einer konzertierten Aktion kauften sie Aktien von GameStop, sodass der Kurs explodierte – im Maximum bis zu 1700% über dem Wert von Anfang Januar. Shortseller, die nicht schnell genug reagierten oder feste Termine zum Aktienkauf eingegangen waren, mussten sie anschließend zu einem Vielfachen des Ausgangswerts kaufen und erlitten hohe Verluste, ein sogenannter Short Squeeze. Um ihnen nicht die Möglichkeit zu geben, den Kursausschlag auszusitzen und abzuwarten, bis er sich wieder beruhigt hat, lautet seitdem die Devise unter den Aktivisten: Buy and Hold – nicht die teilweise satten Gewinne einzufahren, sondern die Aktien trotz des kommenden Gegenwinds weiter zu halten.

Welche Ziele verfolgen die Crowdsourced Activists?

Der Gruppierung auf Reddit ist es wichtig, dass hinter ihrem Treiben kein tieferer Sinn steckt. Die Trader geben sich also betont unpolitisch und ohne eigene Agenda. Das Stichwort lautet YOLO – you only live once (man lebt nur einmal). Einmal im Leben den Shortsellern ein Schnippchen zu schlagen, massive Bestätigung in der eigenen Community zu erfahren – mehr steckt nicht dahinter und mehr soll auch nicht dahinterstecken. Es gilt: Je waghalsiger die Aktion, desto mehr Likes und Kommentare regnet es von den Mitstreitern.

Gleichzeitig setzen die Hobby-Investoren jedoch ein Zeichen: Die gefühlte Übermacht der Hedgefonds, welche die Aktienmärkte dominieren, ist nicht in Stein gemeißelt. Auch wenn es einer Kraftanstrengung bedarf, kann sich die Crowd wehren.

Wie geht es weiter?

Der Erfolg der Reddit-Gruppe Wallstreetbets – so viel ist zum jetzigen Zeitpunkt angesichts massiver Kursverluste abzusehen –, wird keinen Bestand haben, denn darauf ist sie gar nicht ausgerichtet. Zudem formiert sich der Widerstand der institutionellen Anleger, die mit neuen Leerverkäufen und Nebelkerzen versuchen, die Kleinanleger auseinanderzutreiben. Welche der Mittel legal und welche illegal sind, wird im Nachhinein geklärt werden müssen. Auch weitere Regulationen des Aktienmarkts, gerade der Hedgefonds, sind nun im Gespräch.

Die Reddit-Gemeinde wird also bald weiterziehen und der Hype um /r/wallstreetbets nachlassen. Im monetären Sinne werden nur wenige Kleininvestoren als Gewinner aus der Aktion hervorgehen. Aber auch wenn die jetzige Bewegung an Einfluss verliert: Sie hat Crowdsourced Activist Investing in ein neues Licht gerückt. Sie hat gezeigt, dass gemeinsames Investieren viel bewirken kann. An vielen Orten des Internets – zum Beispiel Reddit-Foren, Telegram-Gruppen und Discord-Channels – haben sich in den vergangenen Jahren Gemeinschaften herausgebildet, die sich nun ihres Einflusses bewusst werden.

Was macht Crowdsourced Activist Investing möglich?

Es sind verschiedene Faktoren, die dafür sorgen, dass Crowdsourced Activist Investing mittlerweile deutlich einfacher geworden ist:

  • Mehr junge Leute investieren in Aktien. Die fehlenden Alternativen bei langfristigen Investitionen, die Coronakrise mit ihrer Entschleunigung sowie die Hilfezahlungen in den USA haben viele Menschen dazu gebracht, sich erstmals in ihrem Leben für Aktienkäufe zu interessieren.
  • Klassische Broker – das heißt Handelsplattformen für Aktien – verlangen für jede Order ein Entgelt. Das macht es unrentabel, kleine Aktienpakete zu kaufen. Mittlerweile drängen jedoch Anbieter in den Markt, die das Handeln mit Aktien gebührenfrei In den USA befindet sich momentan der Broker Robin Hood im Rampenlicht, in Deutschland sind etwa Trade Republic, eToro und BUX bekannt.
  • Die sogenannten Trades erfolgen nicht mehr wie früher über den Postweg, sondern können innerhalb von Sekunden über das Smartphone getätigt werden.
  • Auch die Abstimmung der Hobby-Investoren über Plattformen wie Reddit, Discord oder Telegram erfolgt heutzutage über ein mobiles Gerät. Auch Interessengemeinschaften mit ernsthaften Absichten im Aktienmarkt – zum Beispiel zum Thema erneuerbare Energien – halten sich darüber auf dem aktuellen Stand.

Wie kann Crowdsourced Activist Investing langfristig eingesetzt werden?

Die Chance von Crowdsourced Activist Investing liegt darin, ein Korrektiv für die institutionellen Anleger zu bilden – mithin den Aktienhandel zu demokratisieren und nicht in den Händen einiger weniger Akteure zu belassen.

Im Gegensatz zu der jetzigen Bewegung wird es dafür allerdings notwendig sein, eine eigene Agenda zu entwickeln. Themen wie beispielsweise Umweltfreundlichkeit von Unternehmen und soziales Handeln könnten der Kern dieser Bewegung sein und sowohl Aktiengesellschaften als auch institutionelle Anleger dazu bewegen, echte Veränderungen anzustoßen beziehungsweise bestehende Trends zu verstärken.

Die Aktion der Reddit-Gemeinde war ein Fingerzeig, welchen Einfluss Hobby-Investoren haben, wenn sie zusammenfinden. Dieser Einfluss wird steigen, wenn weiterhin mehr Kleinanleger den Aktienmarkt betreten und beginnen, sich zu organisieren. Noch gibt es viele Hürden und Strukturen, die Kleinanleger im Wettbewerb gegen die institutionellen Anleger benachteiligen. Das betrifft Wissens- und Informationsdefizite genauso wie einen geringen Einfluss auf die Aktiengesellschaften bei Versammlungen und Entscheidungen.

Als Crowd können diese Defizite verringert oder sogar abgeschafft werden, um einen ausgeglicheneren Markt zu ermöglichen, an dem alle zu gleichen Konditionen teilhaben. Es gilt daher nun, diesen kurzfristigen Erfolg in Formen zu gießen, die auch längerfristig Bestand haben können.

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