Was ist Crowdsourcing? Schlaglichter auf eine junge Arbeitsform

Der Begriff Crowdsourcing bezeichnet eine Form der digitalen Arbeitsteilung. Bei dieser wird auf Wissen und Arbeitskraft einer größeren Menge an Personen (Crowd) zurückgegriffen, an die der Auftraggeber bestimmte Aufgaben überträgt (Outsourcing). Ziel dieses Vorgangs ist es, Zeit und Kosten zu sparen. Anders als beim klassischen Outsourcing, bei dem ein Unternehmen bestimmte Tätigkeiten an einen externen... Read more »

Der Begriff Crowdsourcing bezeichnet eine Form der digitalen Arbeitsteilung. Bei dieser wird auf Wissen und Arbeitskraft einer größeren Menge an Personen (Crowd) zurückgegriffen, an die der Auftraggeber bestimmte Aufgaben überträgt (Outsourcing). Ziel dieses Vorgangs ist es, Zeit und Kosten zu sparen.

Anders als beim klassischen Outsourcing, bei dem ein Unternehmen bestimmte Tätigkeiten an einen externen Dienstleister delegiert, ist die Crowd keine stabile Einheit. Sie stellt vielmehr eine unbestimmte Größe dar, die sich für unterschiedliche Projekte jeweils neu formiert und dabei zeit- und ortsunabhängig agiert. Die technischen Voraussetzungen dieser hochvernetzten, dezentralen Zusammenarbeit liegen im Web 2.0: Durch die Weiterentwicklung von Kommunikation- und Informationssystemen Anfang der 2000er Jahre ist eine wachsende Zahl von Internetnutzern in einem bis dahin unbekannten Ausmaß in die Produktion und Verknüpfung von Inhalten eingebunden.

Was die Crowd alles kann

Die digitale Crowd kann auf vielfältige Weise tätig werden. Neben ihrer Arbeitskraft wird dabei je nach Einsatzform ihr

• kreatives (Open Innovation),
• kognitives (Schwarmintelligenz) oder
• finanzielles (Crowdfunding, Crowdinvesting) Potential genutzt.

Während die Crowd beim Crowdinvesting und Crowdfunding Kapitel akkumulieren soll – im ersten Fall für eine (junge) Firma, im zweiten für einzelne Projekte wie die Produktion eines Musikalbums –, werden beim Crowdsourcing verschiedene Leistungen an die Crowd ausgelagert. Diese Form der Arbeit kann kommerziell und nicht-kommerziell sowie bezahlt oder unbezahlt erfolgen.

Nicht-kommerzielles unbezahltes Crowdsourcing ist die Basis vieler Wissensportale im Internet (Stichwort Wikipedia). Auch für die Identifikation von Gefahrenherden in Krisensituationen oder für Forschungsprojekte, beispielsweise zur Kartographierung großer Gebiete, wird auf unentgeltlich bereitgestelltes Wissen einer Crowd zurückgegriffen. Als Gründe, sich unbezahlt an solchen Projekten zu beteiligen, werden unter anderem Spaß, Wissenserwerb, Zeitvertrieb, Altruismus oder eine Mischung aus allem genannt.

Neben gemeinnützigen Projekten gibt es auch die Form des unbezahlten, aber kommerziellen Mitwirkens der Crowd. So binden Unternehmen Internetnutzer als „Prosumer“ (Producer + Consumer) beispielsweise im Bereich der Produktentwicklung oder für die Anpassung von Marketingstrategien in ihre Wertschöpfungskette ein.

Kommerzielles und bezahltes Crowdsourcing, bei dem im Voraus eine Vergütung festgelegt wird, bezeichnet man auch als Crowdworking. Insbesondere bei langwierigen Prozessen, bei denen große Datenvolumina verarbeitet oder generiert werden müssen, ist es sinnvoll, mit einer Crowd zu arbeiten.

Unternehmen, die selbst eine Plattform betreiben, auf der sie Aufträge für externe Arbeitskräfte ausschreiben, praktizieren Crowdsourcing ohne Intermediär. Da Firmen aber in den seltensten Fällen über die nötige Technologie verfügen und Zugriff auf eine hinreichend große und qualifizierte Crowd haben, wenden sie sich oft an entsprechende Crowdsourcing-Plattformen. Diese bringen als Intermediäre Auftraggeber und Crowdworker zusammen. Beispielsweise teilen Crowdsourcing-Plattformen einen großen Auftrag in kleinere Einheiten, sogenannte Mikrotasks, formulieren die Arbeitsanforderungen, werten die geleistete Arbeit aus und fügen das Ganze am Schluss wieder zusammen.

Einsatzbereiche des Crowdsourcing

Als Jeff Howe 2006 „The Rise of Crowdsourcing“ diagnostizierte und damit zugleich den Begriff des Crowdsourcing prägte, hatte er unter anderem das Anbieten von Amateurfotos zu Niedrigpreisen im Blick. Bis heute setzt sich „the Rise of Crowdsourcing“ dank einer zunehmend vernetzten Infrastruktur und wachsender technischer Möglichkeiten fort und hat sich auf eine Vielzahl weiterer Einsatzgebiete ausgedehnt.

Die Crowd kann gezielt aktuelle Daten recherchieren, beispielsweise Adressen, Öffnungszeiten oder Preise. Mittels moderner Klassifikationsverfahren versieht sie Produkte mit Schlagwörtern und kann sie über die Anwendung von Filtern entsprechend kategorisieren. Auf diese Weise können strukturierte und übersichtliche Datenbanken erstellt beziehungsweise bereits vorhandene gepflegt und laufend aktualisiert werden.

Mit den wachsenden Möglichkeiten, selbst Inhalte zu generieren, kommt auch der Moderation dieser Inhalte eine immer größere Bedeutung zu. Die Crowd kann diese Aufgabe nach vorab bestimmten Richtlinien übernehmen, indem sie beispielsweise juristisch bedenkliche Inhalte in Anzeigen oder Bewertungen aussiebt. Außerdem ist sie in der Lage, über eine Sentimentanalyse, etwa von Social Media Posts, ein Stimmungsbild zu zeichnen.

Die Crowd kann aber nicht nur Inhalte moderieren, sondern auch selbst welche erstellen. So schreiben die Autoren und Autorinnen der Crowd nach Absprache mit dem Auftraggeber suchmaschinenoptimierte Texte für Blogs, Onlineshops oder Onlinelexika.

Der Bereich, in dem sich in puncto Crowdsourcing aktuell am meisten tut, ist das maschinelle Lernen. Damit eine KI schnellere und präzisere Vorhersagen machen kann, benötigt sie laufend neuen Dateninput. Je größer die eingespeiste Datenmenge, desto größer der Lerneffekt. Die Crowd kann die Vorhersagen der KI korrigieren und sie durch Anwendungsfälle weiter trainieren. Gut trainierte KI-Systeme werden etwa beim autonomen Fahren oder als Chatbots benötigt.

Crowdworking – Risiken und Chancen für den Arbeitsmarkt

Crowdsourcing beziehungsweise Crowdworking als relativ junge Arbeitsform hat eine Debatte über mögliche Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt ausgelöst und Fragen nach entsprechendem Gestaltungsbedarf aufgeworfen. An dieser Diskussion beteiligen sich Gewerkschaften, Crowdsourcing-Plattformen, Wissenschaft und Politik (vgl. etwa das Paper „Faire Arbeit in der Crowd“ vom Juni 2016). Für Unternehmen bedeutet es einen Vorteil, Aufgaben auszulagern, die die firmeneigenen Ressourcen übersteigen. Für die Crowdworker fällt die Bewertung etwas zwiespältiger aus.

Auf der einen Seite funktioniert Crowdsourcing oft niedrigschwellig. Außerdem können Crowdworker eigenständig entscheiden, welche Jobs sie von wo aus, wann und wie lange machen. Diese Flexibilität schätzen vor allem diejenigen, die nicht existentiell auf die Einnahmen aus ihrer Crowdsourcing-Tätigkeit angewiesen sind, sondern sie nebenberuflich als Zuverdienst nutzen, wie beispielsweise Studierende. Außerdem profitieren Menschen, die aufgrund von Einschränkungen diverser Art andernfalls keinen Zugang zum Arbeitsmarkt hätten.

Auf der anderen Seite birgt diese Flexibilität auch Risiken. So sind Crowdworker nicht angestellt, sondern selbstständig. Daher greifen die Vorzüge sozialer Absicherung wie Rentenversicherung, Lohnfortzahlung bei Krankheit oder Mindestlohn, die das deutsche Arbeitsrecht dem Arbeitnehmer garantieren, beim Crowdworking nicht.

Um zusätzlich zur geltenden Gesetzgebung eine Grundlage für eine faire Zusammenarbeit zu schaffen, haben acht Crowdsourcing-Plattformen ein Regelwerk erarbeitet. In diesem „Code of Conduct“ verpflichten sie sich unter anderen dazu, die Crowdworker fair zu bezahlen, sie über die rechtlichen Grundlagen ihrer Tätigkeit zu informieren, ihre Privatsphäre zu schützen, die Arbeitsanforderungen transparent zu gestalten und respektvoll miteinander zu kommunizieren, um Crowdsourcing zu einer Arbeitsform zu machen, bei der alle Beteiligten profitieren.

Schlagwörter: , , , ,