Die Automatisierung macht dich nicht arbeitslos

Beim Weltwirtschaftsforum in Davos vor einigen Monaten stand sie im Raum, die Überschrift die einem Angstmachen kann: Fünf Millionen Jobs werden vernichtet. Vielleicht auch gleich 50 % aller vorhandenen Arbeitsplätze. Das weiß man noch nicht so ganz genau. Schuld ist aber auf jeden Fall die um sich greifende Automatisierung und Vernetzung – kurz: der Fortschritt.... Read more »

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Beim Weltwirtschaftsforum in Davos vor einigen Monaten stand sie im Raum, die Überschrift die einem Angstmachen kann: Fünf Millionen Jobs werden vernichtet. Vielleicht auch gleich 50 % aller vorhandenen Arbeitsplätze. Das weiß man noch nicht so ganz genau. Schuld ist aber auf jeden Fall die um sich greifende Automatisierung und Vernetzung – kurz: der Fortschritt. Schon wieder! Immer wieder ist es der Fortschritt, der für gruselige Zukunftsszenarien herhalten muss. Aber so schlimm wird es dann doch nicht. Warum? Weil die Vergangenheit uns eines Besseren belehrt.

 

Inhalt

1. Nur schwarz und weiß?
2. Dein Beruf wird sich verändern – versprochen!
3. Algorithmen denken (noch) nicht
4. Veränderte Arbeitsrealitäten

 

1. Nur schwarz und weiß?

Je nachdem, welcher Statistik oder Studie man glauben mag, gewinnen wir mittels  „Industrie 4.0“ und Digitalisierung Millionen Jobs hinzu oder wir verlieren eben diese. Massenarbeitslosigkeit, Plünderungen, pure Anarchie oder Arbeitnehmer, die in Hängematten Cocktails schlürfen und dann für horrende Gehälter drei Fingerwische auf ihrem Tablet tätigen – schenkt man den Aussagen Beachtung, wird es in Zukunft nur schwarz oder weiß geben. Grauschattierungen hingegen werden in der derzeitigen Diskussion weitestgehend ausgeblendet. Vielleicht sollten wir uns alle wieder ein wenig beruhigen. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt: Alles wird sich ändern und bleibt doch gleich. „Der Fortschritt“ hat uns im Arbeitsmarkt in den letzten Jahrhunderten Rechte, Mitbestimmung, weniger gefährliche Berufe und Aufstiegsmöglichkeiten gegeben. So schlimm kann das niemand finden, oder?  Begleitet wurden diese Veränderungen immer von schrecklichen Zukunftsszenarien, sowohl von Arbeitgeber- wie auch von Arbeitnehmerseite. So schlimm wie prophezeit war es am Ende aber nie, oder?

 

2. Dein Beruf wird sich verändern – versprochen!

Wenn es eine Konstante im Bereich Arbeit gibt, dann ist es die Veränderung. Oder wann haben sich deine Freunde das letzte Mal beim Feierabendbier darüber beschwert, dass es derzeit um die Gerberbranche nicht so gut bestellt ist oder dass der Tag als Hufschmied mal wieder länger war als geplant?
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Unzählige Berufe sind in den letzten Jahrzehnten verschwunden – unzählige kamen hinzu und de facto alle Berufsbilder ändern sich permanent. Der Beruf des Kfz-Mechanikers beispielsweise wurde vor über einem Jahrzehnt in Kfz-Mechatroniker umbenannt. Dass das mehr als nur eine Namensänderung ist, dass hier eine Zeitenwende beschrieben wird, wird beim Blick auf den Berufsalltag deutlich. Es ist schlicht nötig, immer mehr IT-Kenntnisse zu besitzen, um ein Fahrzeug wieder gangbar zu machen oder auch nur zu warten. Haben wir deshalb eine Massenarbeitslosigkeit von Mechanikern erlebt? Eher ist das Gegenteil eingetreten: Durch die angepasste Berufsausbildung und Weiterbildungsmöglichkeiten konnten junge und ältere Mechaniker, die seit Jahrzehnten im Beruf stehen, neue Kompetenzen erlangen und einen Wissensvorsprung generieren.

Dass eine Anpassung an Veränderungen möglich, nötig und unvermeidbar ist, sehen wir von Crowd Guru jeden Tag. So war Algorithmus Training bei unserer Gründung vor acht Jahren kein besonders großes Thema. Heute ist es, unter anderem aufgrund des technischen Fortschritts, aktueller denn je.
Die eingekauften Finanznachrichten auf der Forbes-Webseite werden automatisch generiert. Für diese Texte gibt es keine klassischen Autoren mehr. Das machen nun Algorithmen im Hintergrund. Vorgefertigte Satzteile werden mit den nötigen Daten gefüttert und am Ende sieht der Text aus wie von Menschenhand verfasst. Unterschiede lassen sich nicht ausmachen. Wer jetzt denkt, dass doch Dutzende Redakteure dadurch ihren Arbeitsplatz verlieren, denkt nicht zu Ende: Zuerst ist das Schreiben solcher Meldungen nicht besonders beliebt – immerhin ist es eine relativ stupide Tätigkeit. Fällt diese weg, können Redakteure ihren Schwerpunkt auf die eigentliche journalistische Arbeit setzen: Informationen interpretieren, Meinungen verbreiten, der Öffentlichkeit Zusammenhänge erklären. Außerdem: Es braucht jemanden, der dem Algorithmus beibringt, wie eine solche Meldung auszusehen hat, die Ergebnisse prüft und ggf. Verbesserungen vornimmt.

Wann muss im Plural, wann im Singular geschrieben werden? Welche Formulierungen sind inhaltlich wie auch grammatikalisch korrekt? Unzählige X=Y-Wenn-dann-Gleichungen müssen aufgesetzt, angepasst und erweitert werden – permanent. Schon heute gibt es automatisierte Vorgänge, die selbst komplexere Texte in kurzer Zeit liefern können. Einen Unterschied wird man nicht erkennen.
Die meisten automatisierten Vorgänge kommen auf 70 – 75 % Genauigkeit. Die restlichen 25 – 30 % müssen vom Menschen korrigiert und angepasst werden. Übrigens: Automatisiert verfasste Texte gibt es im Wetterbereich schon seit Anfang der 1990er Jahren. Eine Entlassungswelle von Meteorologen ist nicht bekannt.

 

3. Algorithmen denken (noch) nicht

Automatisierte Lösungen bieten sich vor allem dort an, wo eine immer wiederkehrende Struktur vorhanden ist, bei der große Änderungen selten sind. Investigative Aufgaben lassen sich durch Algorithmen derzeit nicht bearbeiten, maximal Vorarbeiten können so geschehen:  Zusammenhänge erkennen, daraus Schlüsse ziehen und dann eine Entscheidung treffen – das ist Nullen und Einsen noch immer schwer beizubringen. Die Realität aber ist auch: Supercomputer wie IBM’s Watson sind nur der Anfang und früher oder später werden Programme Schlüsse ziehen können, eigenständig Entscheidungen treffen und selbstständig dazulernen. Das Mooresche Gesetz behält am Ende wohl recht. Aber: Für all die aktuellen und zukünftigen Aufgaben braucht es vor allem eines: Daten. Nicht umsonst sind Machine Learning und Big Data nicht erst seit gestern eine große Sache. Die Digitalisierung ist kein Selbstläufer, der Mensch ist der entscheidende Faktor. Genau, wie der Beruf des Gerbers obsolet ist, wird es aktuellen Berufen ergehen. Während es vor 20 Jahren beispielsweise vergleichsweise wenig Datenanalysten gab, wird der Bedarf an ihnen in Zukunft wachsen.

 

4. Veränderte Arbeitsrealitäten

Zugegeben, es gibt Studien, die zu anderen Schlüssen kommen, als in der Einleitung dargelegt. Die Wahrheit wird wohl irgendwo dazwischen liegen, im selten erwähnten und schwer zu erfassenden Graubereich.
Fakt aber ist: Der Fortschritt kommt. Die Geschichte zeigt, dass nur diejenigen profitieren, die ihre Nische in der neuen Realität finden oder selber konstruieren. Dass das gelingen kann, zeigen die letzten Jahrzehnte. Falls es misslingt, geraten wir unweigerlich unter die Räder des Fortschrittes.
Und nein, das bedeutet nicht, dass wir zu einer Gig-Economy der Scheinselbstständigen werden, in der man sich ohne soziale Absicherung von Auftrag zu Auftrag hangelt, nie wissend ob morgen noch genug Essen im Kühlschrank ist, während unser Arbeitsplatz vom Algorithmus wegrationalisiert wurde. Schreckensszenarien wie diese treten nur dann in schädigendem Ausmaß ein, wenn Akteure in eine Schockstarre verfallen – oder: Voreilige Entscheidungen und Gesetze beschlossen werden, die den Fortschritt blockieren.

 

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