Algorithmische Entitäten: Bedrohungen und Möglichkeiten

Fast genauso sicher wie die Tatsache, dass die Menschen immer wieder neue Technologien erfinden werden, ist der Fakt, dass genau die gleichen Menschen den Auswirkungen dieser Technologien kritisch gegenüberstehen. Das ist nichts Neues: Bereits im Jahr 1492, gerade nachdem die Druckerpresse erfunden wurde, schrieb ein Mönch über die neue Erfindung abfällig: „Das auf Pergament geschriebene... Read more »

Fast genauso sicher wie die Tatsache, dass die Menschen immer wieder neue Technologien erfinden werden, ist der Fakt, dass genau die gleichen Menschen den Auswirkungen dieser Technologien kritisch gegenüberstehen. Das ist nichts Neues: Bereits im Jahr 1492, gerade nachdem die Druckerpresse erfunden wurde, schrieb ein Mönch über die neue Erfindung abfällig: „Das auf Pergament geschriebene Wort wird Tausend Jahre halten… Von einem Buch, das aus Papier besteht, können Sie dagegen höchstens erwarten, dass es 200 Jahre überlebt.“

Gelegentlich verwandelt sich die Skepsis in eine ausgewachsene Angst – aktuell konzentriert sich diese Angst insbesondere auf die Künstliche Intelligenz (KI). Vernichtende Prognosen wurden sowohl von Unternehmern wie Elon Musk und Bill Gates als auch von Wissenschaftlern wie etwa Stephen Hawking abgegeben.

Ja, einiges davon mag übertrieben sein – aber einiges womöglich nicht. Nehmen wir den Fall der algorithmischen Entitäten – der Idee, dass wir Algorithmen eine rechtliche Unabhängigkeit geben könnten, getrennt von den Menschen. Dieses Konzept könnte den „autonomen“ Online-Geschäften Auftrieb verleihen, die ohne den Eingriff von Menschen funktionieren – Zahlungen annehmen und im Allgemeinen mit menschlichen und nicht-menschlichen Partnern ein Geschäft tätigen.

Der Technologe Professor Shawn Bayern warnte im Jahr 2014, dass diese Art der Unabhängigkeit von Kriminellen, Terroristen oder anderen anti-sozialen Kräften der Gesellschaft ausgenutzt werden würde. Wenn KIs zu juristischen Personen werden, wird es auch für Kriminelle leichter, ihre eigenen Identitäten zu verschleiern, während sie am Handel teilnehmen und Vermögen anhäufen.

Es gibt einige Aspekte des Gesellschaftsrechts, die diese Entwicklung besonders anfällig für einen Missbrauch machen. Erstens ist es möglich, dass Algorithmen eine exklusive Kontrolle über die große Mehrheit der Entitätsformen in den meisten Ländern erhalten. Zweitens können sich Entitäten zwischen repressiven Regimen durch Zuwanderung schnell und einfach bewegen. Drittens fehlt vielen Regierungen die Fähigkeit, festzustellen, wer diese Entitäten steuert, die angeheuert wurden. Die kombinierte Wirkung dieser Aspekte macht es schier unmöglich, sie ordnungsgemäß zu regulieren. Im Endeffekt ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass kriminelle Elemente sich dieser algorithmischen Entitäten bemächtigen.

Ist alles schlecht?

Es muss gesagt werden, dass viele Befürchtungen auf der Annahme basieren, dass KIs in der gleichen Weise handeln, wie es Firmen derzeit tun – dass sie sich kurzsichtig ihrem eigenen Egoismus hingeben – auf Kosten der Umwelt und auch auf Kosten der Menschenrechte. Bei dieser Sichtweise wird jedoch die Tatsache verleugnet, dass KI kein Science-Fiction-Albtraum sein muss, sofern wir die anfängliche Programmierung der Entitäten gewissenhaft überdenken – und diese Entitäten fail-safe planen. Auf der anderen Seite zeigt sich, dass sich zahlreiche Unternehmen auf zerstörerische Art und Weise verhalten, wie oben beschrieben – vergleichbar mit allem, was sich Asimov vorstellen könnte.

Darüber hinaus bedeutet die Erschaffung algorithmischer Entitäten nicht notwendigerweise ein Ende der Transparenz. Es könnte sogar zu einer Zunahme des Einflusses von Experten führen. Beispielsweise unterstützt die Bank für internationale Zahlungsangelegenheiten gegenwärtig die Zentralbanken der Welt mit unabhängigen Untersuchungen bezüglich der Liquidität des Finanzsystems, wodurch die Bank in der Lage ist, die Volatilität der Finanzmärkte wirksamer zu reduzieren, als es einzelnen Regierungen allein möglich wäre. Dies ist nur ein kleiner Einblick in das, was möglich wäre, wenn algorithmische Entitäten über ihre Grenzen hinaus angewandt werden könnten – frei von politischen und sozialen Vorurteilen. Vielschichtige globale Herausforderungen wie die Regulierung der Zuwanderung und die Entwicklung einer Resilienz bezüglich des klimatischen Wandels benötigen zur Lösung ausgefeilte Denkweisen. Könnten Algorithmen die Lösung dazu sein?

Sicherlich sagt Ihre Antwort zu dieser Frage vermutlich mehr über Ihre eigenen Vorurteile aus als über die Realität. Im Allgemeinen sind wir Menschen nämlich etwas schwach gerüstet, um alle Möglichkeiten, die algorithmische Entitäten bieten, umfassend zu durchdenken. Letztendlich sind all unsere Ängste bloß eine Extrapolation der bekannten Probleme, die wir bereits auf der Welt gesehen haben. Doch dieses Wissen ist nicht ausreichend um die Frage zu erfassen, denn die KI führt uns in Bereiche des Möglichen, die wir nicht begreifen können, da die Komplexität des Denkens, die durch die KI ermöglicht wird, derzeit noch jenseits unserer Vorstellung ist.

Und das ist der Punkt, an dem die Debatte unscharf wird. Wenn wir ein System (oder eine algorithmische Entität) mit einer vorhergesagten oder unvorhersagbaren Konsequenz entwickeln, dann werden wir niemanden (oder nichts) haben, den (oder das) wir zur Verantwortung ziehen können. Das hat zur Folge, dass unser Rechtssystem unfähig sein wird, Fehler zu korrigieren. Und sollte das geschehen, haben wir unser eigenes Immunsystem handlungsunfähig gemacht.

Was ist also die Schlussfolgerung? Zum ersten Mal in der Geschichte mag unsere Skepsis völlig angemessen sein.