Erfolgreiche Crowdsourcing-Projekte, die digital und analog verbinden

Crowdsourcing ist zwar ein Begriff der digitalen Moderne, der öffentlich seit Mitte der 2000er wahrgenommen wird, das Prinzip (eine „zufällig“ ausgwählte Masse erledigt eine Aufgabe) ist jedoch schon sehr viel älter und wurde schon zu analogen Zeiten erfolgreich eingesetzt. Diese analogen Projekte bestehen teilweise bis heute. Einige davon möchten wir Ihnen vorstellen.   Inhalt 1.... Read more »

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Crowdsourcing ist zwar ein Begriff der digitalen Moderne, der öffentlich seit Mitte der 2000er wahrgenommen wird, das Prinzip (eine „zufällig“ ausgwählte Masse erledigt eine Aufgabe) ist jedoch schon sehr viel älter und wurde schon zu analogen Zeiten erfolgreich eingesetzt. Diese analogen Projekte bestehen teilweise bis heute.

Einige davon möchten wir Ihnen vorstellen.

 

Inhalt

1. Das Oxford English Dictionary
2. Mass Observation Movement
3. Goldcorp – oder: Die Goldsuche crowdsourcen
4. Fazit

 

1. Das Oxford English Dictionary

Heute kaum zu glauben, aber es gab eine Zeit vor der Wikipedia (immerhin das Paradebeispiel für Crowdsourcing!). Hier gab es schon Crowdsourcing-Projekte, ohne dass der Name Verwendung fand.
Am bedeutendsten ist wohl das Oxford English Dictionary. „The OED says…“ ist im englischen Sprachraum eine bekannte Redewendung und unterstreicht die Stellung dieses Wörterbuchs. Entstanden ist es über einen Zeitraum von 70 Jahren – und zwar mit der Hilfe zahlreicher Freiwilliger. Der Brite James Murray veröffentlichte 1877 einen Aufruf zum Einreichen von Wörtern, Belegen für ihre Bedeutung und ihrer Geschichte. Insbesondere Buchhändler beteiligten sich am Sammeln und Einreichen. Das Sammeln, Dokumentieren und Niederschreiben nahm jedoch viel Zeit in Anspruch, sodass erst 1884 der erste Faszikel (immerhin enthielt er die Stichwörter a-ant) veröffentlich werden konnte.

Die vollkommen neu verfasste zweite Ausgabe wurde erst 1989 veröffentlicht. Aktuell wird an der dritten kompletten Neuausgabe gearbeitet – mit einer Veröffentlichung ist jedoch nicht vor dem Jahr 2028 zu rechnen.

 

2. Mass Observation Movement

1937 startete in Groß-Britannien das Mass Observation Movement mit dem Ziel eine „Anthropologie von uns“ zu erstellen. Ins Leben gerufen von einer Gruppe bestehend aus Anthropologen, Dichtern, Regisseuren, Malern und anderen wurde rund 500 freiwillige „Beobachter“ rekrutiert. Diese führten sowohl offene Interviews wie auch reine Observierungen im öffentlichen Raum durch. Das tägliche Leben der Bevölkerung sollte so dokumentiert werden. Die Ergebnisse wurden in Zeitschriften und Büchern publiziert. Beim Mass Observation Movement interviewte und beobachtete die Masse sozusagen die Masse.

Die Untersuchungen wurden bis in die späten 1950er Jahre durchgeführt, dann eingestellt, um in den 1980ern wieder aufgenommen zu werden. Die Befragungen laufen bis heute, ein Archiv kann in der Universität Sussex besucht werden.

Das Mass Observation Movement und das English Oxford Dictionary sind gute Beispiele für frühe Crowdsourcing-Projekte. Bemerkenswert ist auch, dass beide Projekte den Übergang vom analogen ins digitale Zeitalter geschafft haben und noch heute weitergeführt werden.

 

3. Goldcorp – oder: Die Goldsuche crowdsourcen

Goldcorp ist ein kanadisches Bergbauunternehmen und einer der größten Goldproduzenten Nordamerikas. Doch um die Jahrtausendwende stand es nicht gut um seine Zukunft: Streikende Mitarbeiter und sich erschöpfende Vorräte der ehemals reichsten Goldmine der Welt in Ontario ließen das Unternehmen in Richtung Pleite rutschen.

Ein Vortrag zur Idee des offenen Quellcodes inspirierte Goldcorp-CEO Rob McEwen zum crowdsourcen seines „Problems“: Er hatte bereits rund 10 Millionen US-Dollar für Probebohrungen auf seinem Minengelände ausgegeben – ohne in Erfahrung bringen zu können, wo genau sich wie viel Gold befand. Kurzerhand veröffentlichte er die Daten der Bohrungen online und lotete ein Preisgeld von fast 600.000 US-Dollar für diejenigen aus, die die besten Orte für neue Bohrungen einreichten. Das Ergebnis war überwältigend: Es gab über 100 Einsendungen, Goldcorp konnte die Produktionskosten in vier Jahren um 600 % senken, den Explorationszeitraum reduzieren, bisher acht Millionen Unzen Gold fördern und über 50 neue Stellen ausmachen, die den hauseigenen Geologen gar nicht aufgefallen waren. Ein voller Erfolg!

Dieses Beispiel zeigt, dass Crowdsourcing in der Lage ist, auch sehr traditionelle und vor allem nicht-digitale Bereiche wie den Bergbau zu revolutionieren. Nicht zuletzt durch die crowdgesourcte Suche nach neuen Goldquellen konnte Goldcorp seinen Wert von 100 Millionen Dollar auf neun Milliarden steigern. Bei einer Investition von 0,6 Milliarden Dollar wurde Gold im Wert von rund 3 Milliarden Dollar gefunden.

 

4. Fazit

Obwohl erst in den letzten Jahren öffentlich wahrgenommen, funktioniert das Prinzip Crowdsourcing bereits seit langem sehr erfolgreich. Auch und gerade traditionelle, nicht-digitale Bereiche können hiervon profitieren und die Vorzüge des Digitalen effektiv mit ihrem etablierten Geschäft kombinieren.

 

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