Mit Crowdsourcing gegen die Pandemie

Derzeit ist unser gesellschaftliches und privates Leben von einer Pandemie geprägt. Corona verändert den Alltag fast aller Menschen – zumindest vorübergehend. Sei es durch Krankheit, menschliche Verluste, durch finanzielle Einbußen im geschäftlichen Bereich oder aber durch die Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen. Einen wichtigen Teil des Kampfes gegen die Pandemie übernimmt das Crowdsourcing in verschiedenen Formen. Was das... Read more »

Derzeit ist unser gesellschaftliches und privates Leben von einer Pandemie geprägt. Corona verändert den Alltag fast aller Menschen – zumindest vorübergehend. Sei es durch Krankheit, menschliche Verluste, durch finanzielle Einbußen im geschäftlichen Bereich oder aber durch die Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen. Einen wichtigen Teil des Kampfes gegen die Pandemie übernimmt das Crowdsourcing in verschiedenen Formen. Was das ist und wie es genau funktioniert, lesen Sie hier.

Was ist Crowdsourcing und wie kann es gegen Corona helfen?

Um das neuartige Coronavirus Sars-Cov-2 und die durch ihn ausgelöste Erkrankung COVID-19 zu erforschen, müssen so viele Informationen zusammengetragen werden wie möglich. Dies bedeutet, dass eine immense Menge an Daten benötigt und verarbeitet wird. Dass wir in einem digitalen Zeitalter leben, ist für das Zusammentragen von Daten von immensem Vorteil. Zu Zeiten von Pest, Pocken oder Cholera konnten neue Behandlungsansätze und Erkenntnisse nur sehr langsam weitergegeben werden. Informationen waren nur im kleinen Umkreis verfügbar. Heute ist jede Information theoretisch in Sekunden auf der gesamten Welt zugänglich und viele Menschen können davon profitieren. Der Kampf gegen COVID-19 wird heutzutage nicht nur an den Krankenhausbetten und in den Laboren gefochten. Wir alle können unseren Teil dazu beitragen, z. B. durch Crowdsourcing. Doch was verbirgt sich dahinter?

Das Wort setzt sich zusammen aus den englischen Wörtern für „Menge“ und „Beschaffung“. Eine große Menge an Menschen hilft dabei, Informationen zu beschaffen. Dies beginnt schon bei den Patienten, die an Corona erkrankt sind: Jeder bestätigte Träger des Virus wird untersucht und sie alle liefern der Wissenschaft wertvolle Informationen über die Krankheit. Doch viel besser wäre es, wenn Menschen nicht erst erkranken müssten, um die Wissenschaftler zu unterstützen. Auch das geht:

Infektionsprävention mithilfe von Smartphone Bewegungsdaten

Heiß diskutiert ist derzeit die Möglichkeit, die Bewegungsdaten der Bürger in die Forschung und in die Infektionsprävention miteinzubeziehen. Mithilfe des GPS-Trackers des Smartphones können die Aufenthaltsorte von Infizierten nachvollzogen werden, bevor sie wussten, dass sie infiziert sind. Bei einer Inkubationszeit von durchschnittlich 5-6 Tagen können es zahlreiche Orte sein, an denen man Kontaktpersonen im Nachhinein nicht ohne Weiteres aufspüren kann. Dies betrifft vor allem öffentliche Orte wie öffentliche Verkehrsmittel oder Parks. Wird nun bei einer Person COVID-19 diagnostiziert, kann man nicht nur nachvollziehen, wo sie vor der Diagnose gewesen ist. Man kann durch die GPS-Daten anderer Menschen auch herausfinden, wer noch dort war und getestet werden muss oder zumindest stärker auf mögliche Symptome achten sollte. Damit dieses Vorgehen zuverlässig funktioniert, wäre es aber notwendig, dass eine sehr große Anzahl von Menschen diese Daten zur Verfügung stellt.

Technisch stellt dieses Vorgehen kein Problem dar, da ein Großteil der Bevölkerung über ein Smartphone verfügt und dieses auch regelmäßig nutzt. Rechtlich ist eine Pflicht zur Datenbereitstellung schwierig, denn viele Menschen möchten ihre Daten nicht preisgeben. Die meisten Smartphone User möchten die volle Kontrolle über ihre Daten behalten. Besonders Bewegungsdaten werden als empfindlich angesehen, da man damit eine Person live verfolgen könnte. Die Möglichkeiten, den Zugang zu solchen Daten zu missbrauchen, sind groß. Eine etwaige Pflicht, diese zur Verfügung zu stellen, ist daher zu Recht umstritten.

In Südkorea werden inzwischen Standortdaten von Mobilfunkgeräten dazu genutzt, um mit Corona infizierte Personen und ihre Kontaktpersonen gezielt zu lokalisieren. Auf diese Weise werden Infektionsketten rekonstruiert. Dieses Vorgehen könnte als Vorbild für Deutschland dienen.

Unsere europäischen Nachbarn ziehen bereits mit: In Österreich wird die Infektionsprävention durch Bewegungsdaten mit der App „Stopp Corona“ bereits betrieben. Dort werden Kontakte, die länger als 15 Minuten andauern, aufgezeichnet. Vorher müssen beide Personen der Aufzeichnung zustimmen. Wissenschaftler vermuten, dass eine Person mindestens 15 Minuten engen Kontakt zu einem bereits Infizierten haben muss, um sich selbst anzustecken. Wird eine Person positiv auf das Coronavirus getestet, werden alle bekannten Kontaktpersonen der letzten 48 Stunden durch die App informiert.

Informationsbeschaffung mit Hilfe von durchgängigen Körperdaten

Blut- und Organspende sind bekannt, doch angesichts der neuen Situation hat das Robert-Koch-Institut etwas Neues entworfen: Die Datenspende. Diese funktioniert über eine simple App, die mit einem Fitness-Armband, einer SmartWatch oder einer Fitness-App verknüpft werden kann. Diese Datenspende umfasst Körperdaten wie die körperliche Aktivität, das Schlafmuster und den Puls. Bei dieser Maßnahme geht es nicht um die Infektionsprävention, sondern um die Erforschung von körperlichen Dispositionen. Die Daten können Auskunft darüber geben, welche körperlichen Voraussetzungen eine Infektion mit COVID-19 wahrscheinlich machen.

Es wäre möglich, dass Personen mit ausreichend Schlaf und viel sportlicher Aktivität ein geringeres Risiko haben, schwer an Corona zu erkranken. Bluthochdruck ist bereits als Risikofaktor bekannt. Es liegt daher nahe, dass sich auch der Puls auswirken könnte. Doch auch hier wird skeptisch auf die Missbrauchsmöglichkeiten geschaut und viele Menschen haben kein gutes Gefühl dabei, so empfindliche Daten offenzulegen. Hier kann sich jeder Einzelne überlegen, ob und wie viele Daten er der Wissenschaft zur Verfügung stellen möchte.

Crowdsourcing mit Hilfe von externen, privaten Computern

1999 begann die Universität Berkeley offiziell mit dem Projekt SETI@home. SETI, search for extra-terrestrial intelligence, ist ein Programm, das nach außerirdischem Leben sucht. Dieses wurde bereits in den 60er Jahren von der NASA ins Leben gerufen. Anfang der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts kamen Forscher dann auf die Idee, die bloße Rechenleistung durch das Einbeziehen externer, privater Computer zu erweitern. SETI empfing im Laufe der Jahrzehnte viele Signale unbekannten Ursprungs aus dem Weltall. Die Auswertung übernahm eine begrenzte Anzahl an Computern. Somit war auch die Rechenleistung limitiert. Um die Auswertung zu beschleunigen, wurden Bürger dazu aufgerufen, sich das Programm SETI@home auf dem heimischen Rechner zu installieren. Alle Rechenleistung, die gerade nicht gebraucht wurde, wurde damit dem Entschlüsselungsprogramm der NASA zur Verfügung gestellt. Auf diese Weise konnten viel mehr Berechnungen und Entschlüsselungen in kurzer Zeit abgeschlossen werden.

Die SETI@home-Idee wurde im Jahr 2000 von findigen Medizinern mit dem Programm Folding@home aufgegriffen. Die Software dient dazu, die Proteinfaltung zu simulieren. Genau wie bei SETI wird hier die Rechenkraft von Heimcomputern verwendet, die dieses Programm installiert haben. Genutzt wird es z. B. für die Erforschung von Erkrankungen wie Krebs, Alzheimer oder Parkinson. Seit 2020 wird nun auch COVID-19 damit erforscht. Diese Crowdsourcing-Lösung ist in vielerlei Hinsicht sinnvoll. Zum einen kann jeder die Quarantäne-Zeit im Home Office sinnvoll nutzen, um mit seinem Computer bei der Erforschung des Virus zu helfen – ganz nebenbei. Zum anderen wird Rechenleistung, die sonst ungenutzt bleiben würde, in etwas Sinnvolles investiert. Die Crowdsourcing-Lösung bietet sowohl Forschung als auch Bevölkerung einen großen Vorteil: Durch die privaten Rechner steht ein Vielfaches mehr an Rechenleistung zur Verfügung. So kann die Erforschung des Coronavirus (und anderer Erkrankungen) enorm beschleunigt werden.

Auch durch ein Computerspiel können Sie an der Erforschung von COVID-19 mitwirken. Im Spiel Foldit lösen die Spieler Logikaufgaben und Puzzle, die sich auf die reale Struktur von Proteinen übertragen lassen. Oftmals hat ein Laie, der keinerlei medizinisches Vorwissen hat, gerade deswegen die zündende Idee. Um diese Ideen aufzugreifen und zu nutzen, wurde dieses Spiel entwickelt. Eventuell kann auf diese Weise schneller ein Impfstoff entwickelt werden.

Foldit: So können Gamer der Wissenschaft helfen. Quelle: foldit.it

 

Crowdsourcing kann auf viele verschiedene Arten im Kampf gegen eine Pandemie genutzt werden. Potenziell kann beinahe jeder Bewohner der Erde dabei helfen, diese Krise zu überwinden. Wer seine Standort- oder Körperdaten nicht zur Verfügung stellen möchte, kann mithilfe von Computerspielen oder mit passiv laufender Software dennoch helfen. Von zu Hause aus können Sie zur Entschlüsselung des Virus beitragen und die Entwicklung von Medikamenten oder eines Impfstoffs vorantreiben. Bleiben Sie gesund!

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