Crowdsourcing: eine Reise in die Vergangenheit

Crowdsourcing passt perfekt in die digitalisierte Welt: Aufträge werden unkompliziert an Internetnutzer vergeben und online von diesen bearbeitet. Doch hinter dieser relativ jungen Entwicklung steckt eine alte Idee. Die Auslagerung von Arbeitsaufträgen an eine breite Masse von Menschen gab es schon im 19. Jahrhundert. Was damals analog gut funktioniert hat, feiert im Internetzeitalter sein Comeback –... Read more »

Crowdsourcing passt perfekt in die digitalisierte Welt: Aufträge werden unkompliziert an Internetnutzer vergeben und online von diesen bearbeitet. Doch hinter dieser relativ jungen Entwicklung steckt eine alte Idee. Die Auslagerung von Arbeitsaufträgen an eine breite Masse von Menschen gab es schon im 19. Jahrhundert. Was damals analog gut funktioniert hat, feiert im Internetzeitalter sein Comeback – mit großem Erfolg. Wir nehmen Sie mit auf eine Reise in die Vergangenheit und zeigen Ihnen die Erfolgsgeschichte der crowdbasierten Arbeitsform.

Crowdsourcing analog – der Beginn einer neuartigen Arbeitsform

1879 – Das Oxford English Dictionary

England im Jahre 1879: Nachdem seine Vorgänger verstorben bzw. mit der Aufgabe überfordert waren, wurde der Sprachwissenschaftler James Murray mit der Dokumentation des gesamten englischsprachigen Wortschatzes beauftragt. Murray startete einen Aufruf, der sich sowohl an Briten als auch an Amerikaner richtete: Er suchte Freiwillige, die ihm englische Wörter und Zitate zusenden sollten. Um möglichst viele Menschen mit seinem Aufruf zu erreichen, verteilte Murray Flugblätter in Buchhandlungen. Dort wurden sie in die Bücher gelegt und gelangten so zu den Menschen nach Hause.

James Murray: britischer Lexikograf und Philologe

 

Auf diese Weise sammelte und dokumentierte der Sprachwissenschaftler sämtliche Wörter der englischen Sprache – das Oxford English Dictionary entstand. Der Begriff des Crowdsourcings war damals noch nicht etabliert. Murrays Herangehensweise zählt aber dazu. Die Intelligenz der Masse zu nutzen, ist also nicht nur ein digitaler Hype. Vielmehr ist es eine Arbeitsform mit langjähriger Tradition.

1876 bis 1887 – Sprachatlas des Deutschen Reichs

Ein vergleichbares Mammutprojekt unternahm der Dialektforscher Georg Wenker aus Marburg im 19. Jahrhundert. Zwischen 1876 und 1887 sammelte Wenker mittels Fragebögen Sprachdaten aus rund 40.000 Orten in Deutschland. Sein Ziel war es, einen Sprachatlas mit den unterschiedlichen deutschen Dialekten zu erstellen. Die Fragebögen verteilte Wenker an Schulen. Die Schüler sollten mithilfe ihrer Lehrer hochdeutsche Begriffe und Sätze in ihren jeweiligen Dialekt übersetzen. Mit den Daten lieferte Wenker einen bedeutenden Beitrag zur deutschen Dialektologie.

„Der Kartenausschnitt zeigt die Verteilung der Dialekte im westlichen Ostpreußen um 1880. Niederpreußisch „sie“, Hochpreußisch „sei“, Weichselmündungsgebiet „sen“, Westpreußen „ben“, alle für Standarddeutsch „bin“.“ (Wikimedia Commons)

 

Heute sind die handgezeichneten Karten sowie Audio-Aufnahmen in großen Teilen digital zugänglich. Aus dem historischen Crowdsourcing-Projekt ist zudem ein modernes geworden: Auf regionalsprache.de können Freiwillige noch heute Fragebögen zum regionalen Satzbau ausfüllen und so zur Erforschung moderner Regionalsprachen beitragen.

Crowdsourcing digital – was ist das und wenn ja, wie viele?

So alt das Prinzip der Arbeitsteilung auch ist – einen Namen hat sie sich erst im 21. Jahrhundert gemacht. Denn erst mit Voranschreiten der Digitalisierung wurde aus der analogen Arbeitsteilung eine webbasierte. Den Begriff des Crowdsourcings prägte der Journalist Jeff Howe, als er im Jahr 2006 einen Artikel darüber veröffentlichte. Das Prinzip ist dem des Outsourcings nachempfunden. Der Unterschied ist jedoch, dass Aufträge nicht an einzelne Unternehmen ausgelagert („outgesourct“) werden, sondern an eine breite Masse von Internetnutzern.

Was gibt es für Formen? Von der modernen Form der Arbeitsteilung existieren mehrere Varianten. Da gibt es z. B.

(1) das Microworking: Diese Arbeitsform umfasst Kleinstaufträge wie Texterstellung, Kategorisierungen oder Recherchetätigkeiten. Meistens handelt es sich um einen Großauftrag, der sich in mehrere Mikrojobs zerlegen lässt. Die Vorteile: schnelle Ergebnisse und geringer finanzieller Aufwand. Oft wird im Zusammenhang mit der crowdbasierten Arbeitsweise von Schwarmintelligenz oder der Intelligenz der Masse gesprochen.

Nicht ohne Grund, denn das (2) Collective Knowledge ist eine weitere Form der crowdbasierten Arbeitsteilung. Wikipedia ist das wohl bekannteste moderne Beispiel dafür. Ein ähnliches, aber interaktives Prinzip verfolgt stackexchange.com, eine Q&A Community zu sämtlichen Themengebieten.

Zudem nutzen Auftraggeber sogenannte (3) Creative Content-Marktplätze. Dabei ist vor allem die Kreativität der Crowd gefragt. Diese machen sich z. B. Auftraggeber zunutze, die ein Logo für ihre Webseite o. Ä. benötigen. Der Auftrag wird über eine Internetplattform ausgeschrieben und mehrere kreative Köpfe können ihre Vorschläge einreichen. Der Beste erhält den Zuschlag.

Eine weitere Form ist die der (4) Open Innovation and Ideas. Dabei fungiert die Crowd als Problemlöser und hilft so Unternehmen dabei, innovative Lösungen und Produktideen zu entwickeln.

Per (5) Crowdfunding können Projekte mittels einer Crowd aus freiwilligen Spendern finanziert werden. Abschließend ist noch (6) Engagement und Charity zu nennen. Mittels Fundraising werden dabei Non-Profit-Projekte realisiert.

Potenziale des Crowdsourcings – kreativ, günstig, schnell

Die crowdbasierte Arbeitsform macht sich die Vorteile von Schwarmintelligenz zunutze. Einer dieser Vorteile besteht in der enormen Kreativität. Eine Menschenmasse setzt erheblich mehr Kreativität frei als ein einzelner Mensch. Unternehmen, die bei kreativen Aufgaben auf eine Crowd vertrauen, bekommen so schneller und bessere Ergebnisse, als wenn sie nur einen Menschen beauftragen. Ein weiterer Vorteil ist der Kostenfaktor. Fachkräfte kosten viel und müssen meist für längere Zeiträume fest angestellt werden. Vor allem für Startups ist das oft schwer realisierbar. Crowdbasierte Lösungen sind per se günstiger und der Auftraggeber zahlt nur, wenn der Auftrag auch wirklich erfüllt wurde. Wir haben es also mit überschaubaren Finanzierungen über kurze Zeiträume zu tun.

Der Vorteil der Zeitersparnis ist schon das ein oder andere Mal angeklungen. Viele Menschen erledigen sehr viel mehr Arbeit in kurzer Zeit, als es für einen Menschen allein möglich wäre. Wenn Sie einen Auftrag an eine Crowd geben, können Sie sich sicher sein, schon nach kurzer Zeit die Ergebnisse präsentiert zu bekommen.

Fazit

Crowdsourcing und die damit verbundene Nutzung der Intelligenz der Masse ist bereits seit dem 19. Jahrhundert eine attraktive Form der Arbeitsteilung. Im Zuge der Digitalisierung haben sich auch für die crowdbasierte Arbeitsform neue Möglichkeiten ergeben und auch die Umsetzung ist heute um einiges einfacher geworden.

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